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1997 - aufschauen
268 barytprints, 23cm x 16cm, infrarot negativ 24mm x 36mm  (Text)




AUF-SCHAUEN
1997

Der flüchtige Blick, der kurze Moment der Sinnlichkeit im Bewegungsfluß der Stadt ist Nahrung für erotische Phantasien beider Geschlechter. Die Photographien dieser Serie entstehen in einer regelrechten Jagd nach dem passenden Motiv, nach dem geeigneten Modell auf den Rolltreppen und Stiegen der Stadt. Kurzer Rock und nackte Beine werden dem Photographen zum Signal:  Er folgt der Frau, versucht, sich ihr zu nähern und einen geeigneten Moment zu finden, um die Kamera in Postition zu bringen, sei es auf einer Rolltreppe, auf einer Stiege, auf dem Einstieg zur Straßenbahn. Die Annäherung muß er taktisch klug anstellen, die absichtlich gesuchte Nähe muß sich wie zufällig ergeben. Das ist lustvoll, aber auch peinlich. Auch wenn die Kamera kaum sichtbar, klein in der Hand liegt und einhändig zu bedienen ist, auch wenn kein Blitz gesehen werden kann, ist die Angst dabei, ertappt zu werden – wenn nicht vom Modell, so doch von Passanten.

Manfred Schneider ist sich des Grenzganges, den er mit dieser Serie unternimmt, bewußt. Das Photographieren ist Vorwand und Rechtfertigung für die instinkthafte Annäherung, mit der er die Grenzen der Intimität überschreitet. Sie kostet ihn Überwindung, gleichzeitig empfindet er sie als spannend und lustvoll. Wirft man ihm Mißbrauch der Situation vor, schützt er seine Position als Photograph vor.  Darüber hinaus scheint ihm der voyeuristische Akt weniger in der Tat zu liegen, denn es ist die Kamera, die unter den Rock schaut, nicht er selbst. Erst beim Entwickeln der Aufnahmen in der Dunkelkammer kommt er zu ungewöhnlichen Ein- und Aufblicken. Dann ist das Modell, das nie aus der Anonymität getreten ist,  nicht mehr Mensch aus Fleisch und Blut, sondern Erinnerung auf dem Papier.

Interessant ist es, die Serie „AUF-SCHAUEN“ im Vergleich zur früher begonnenen Konzeptarbeit „DISAPPEARING UNDERWEAR“ zu sehen. In „DISAPPEARING UNDERWEAR“ richtet der Photograph einen offenen Blick auf das Modell. Auch wenn das Gesicht des Modells nicht wesentlich ist, geht es doch um den ganzen Körper, um den ganzen Menschen, um eine Frau und ihre individuelle Körpersprache. In der Konzeptarbeit „ AUF-SCHAUEN“ geht es nicht um die Frau, nicht um ihren Körper als ganzes und damit um ihre Person, sondern bloß um einen Anblick, den sie ohne ihre Zustimmung gewährt.

Werden die Aufnahmen der Konzeptarbeit „AUF-SCHAUEN“ ausgestellt, so möchte Manfred Schneider sie so hoch gehängt sehen, daß der Betrachter den verstohlenen Blick der Kamera nachvollziehen kann. Doch das Auge des Betrachters ist kein Kameraobjektiv, sein Blick ist kein neutraler, sondern ein teilnehmender, der Überraschung, Erregung und Verlegenheit hervorruft.

Dr. Andrea C. Fürst

S/W Baryt,
268 Motive, photographiert 6/97 bis 6/98





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