MANFRED SCHNEIDER
Photographie als Annäherung

Als Manfred Schneider begann, sich künstlerisch mit Photographie zu beschäftigen, spielte das Motiv keine Rolle, es war im eigentlichen Sinne noch gar nicht vorhanden. Ihn interessierten vor allem die technischen Bedingungen und die Möglichkeiten des Mediums, und er experimentierte mit Form, Farbe und Licht.

Zum Motiv seiner photographischen Arbeit fand er bei Friedl Kubelka in der Schule für künstlerische Fotografie, die er 1992/93 besuchte. Das Interesse am Motiv rückte in den Vordergrund, und das Photographieren von Menschen wurde zu seiner wichtigsten Arbeit. Photographieren ist für Manfred Schneider Auseinandersetzung mit Menschen. Antriebskraft seiner Arbeiten ist die Spannung, die sich aus einer Begegnung mit einem Menschen ergibt, das Hineingezogen-Sein in eine Situation, die er mitunter selbst provoziert. Die Photographie ist das Ergebnis einer Interaktion. Die Beziehung zu einem Menschen, die sich während des Photographierens aufbaut, kann einseitig oder beidseitig sein, sie kann gespannt sein, mitunter ist sie erotisch, manchmal auch unangenehm. Nie aber begegnet der Photograph seinem Motiv teilnahmslos, sondern immer einfühlend.

Manfred Schneider erinnert sich an einen Vortrag über künstlerische Photographie, den er vor einem Laienpublikum zu halten hatte. Unsicher, wie er die Aufmerksamkeit des Publikums erringen könnte, entschloß er sich, eine förmliche Vorstellung zu Beginn des Vortrages zu unterlassen und statt dessen neun Minuten lang "Lärmmusik" von einem Tonbandgerät abzuspielen. Als die Zuhörer, die sich eine theoretische Einführung in die Kunst der Photographie erwartet hatten, unruhig zu werden begannen, packte Manfred Schneider seine Kamera und photographierte die vollkommen Überraschten. Damit hatte er sein Publikum verwirrt und die Verunsicherung der Zuhörer genützt, um sich zu behaupten. Er hatte mit dieser Aktion aber auch seinen Zugang zur Photographie schon deutlich manifestiert. Photographie ist für ihn Kommunikation, Annäherung, eine Brücke zum Nächsten. Mit der Photographie erklärt er sich selbst und findet Zugang zum Anderen.

In den Serien "ZUG-MENSCHEN" und "AUF-SCHAUEN" erfolgt die Annäherung an einen anderen ohne dessen Einverständnis bzw. ohne dessen Wissen. Friedl Kubelka sprach in diesem Fall davon, ein Photo " zu stehlen". In "AUF-SCHAUEN" geht es um diesen heimlichen Blick und auch um die Bedenken und Vorbehalte, die diese "gestohlene Intimität" impliziert.

Gerade die Konzeptarbeit "AUF-SCHAUEN" macht deutlich, daß das Photo bei Manfred Schneider zwar das Produkt einer Zufälligkeit sein kann, doch dieser Zufall ist wohl überlegt und herbeigeführt. Für Manfred Schneider steht die Konzeptarbeit im Vordergrund. Ein einzelnes Photo reicht ihm oft nicht. Um die Wechselbeziehung zu seinem Motiv in allen Möglichkeiten auszuloten, ist eine Serie von Aufnahmen nötig. Manfred Schneider will die Komplexität von Beziehungen in Bilderserien festhalten.

So hat er in der Konzeptarbeit "ZUG-MENSCHEN" Tag für Tag in den Pendlerzügen zwischen Krems und Wien die schlafenden Reisegefährten photographiert. Frauen und Männer sitzen ihm gegenüber, erschöpft von der Nacht, vom frühen Aufstehen oder von der Arbeit, schwer oder schwerelos, beherrscht oder abwesend. Die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, die er mit der Kamera führte, hielt ihn gefangen, erforderte seine ganze Konzentration, so daß er ein Jahr lang nur photographierte und danach erst die Aufnahmen entwickelte.

Technische Details sind mittlerweile unbedeutend geworden, wichtig ist nur, sich vor Beginn der Arbeit zu überlegen, welche Kamera für die spezielle Arbeit am besten geeignet ist, damit das Werkzeug die Arbeit nicht behindert. Da die Umstände des Photographierens bei jeder Serie andere sind, ist auch für jede Projektarbeit ein eigener Kameratyp erforderlich. Für die "ZUG-MENSCHEN" verwendete Manfred Schneider eine Sucherkamera, mit der er auch ohne Blitz, leise und unauffällig bei schwierigen Lichtverhältnissen photographieren kann. Für "DISAPEARING UNDERWARE" benutzte er eine Kleinbildkamera, die mit 4 Bildern in der Sekunde sehr schnell ist. Das Konzept " AUF-SCHAUEN" photographierte er mit einer kleinen Sucher-Kamera, die einhändig zu bedienen ist, und verwendete einen Infrarot-Film und einen Schwarzfilter bzw. "Schwarzblitz", der weder vom "Modell" noch von den Passanten gesehen werden kann.

Auch wenn es sich bei "AUF-SCHAUEN" um intuitives Photographieren handelt, bei dem das zu erwartende Ergebnis nicht durch einen Blick durch das Objektiv kontrolliert werden kann, auch wenn bei "DISAPPEARING UNDERWARE" die Aufnahmen von der Schaltfolge des Verschlusses bestimmt werden, hat Schneiders Arbeit nichts mit Lomographie zu tun. Wesentliche Voraussetzung seiner Arbeit sind theoretische Überlegungen. Die Aufnahme kann zwar Ergebnis eines Zufalls sein, dieser ist aber bewußt herbeigeführt und theoretisch vorbereitet.

Manfred Schneiders Konzeptarbeiten sind Ausdruck seiner Beziehung zum Modell, sie sind sein persönliches Archiv an Gefühlen, Empfindungen und Sinneseindrücken. Die Kamera ist für Manfred Schneider Vorwand und Rechtfertigung einer Annäherung, sie ist sein Kommunikationsmittel, mit ihr findet er Zugang zu Menschen und zu Situationen, sie ist aber auch sein Schutzschild, seine Berechtigung, ungewöhnliche Interaktionen zuzulassen oder herbeizuführen und sich über Grenzen der Intimität hinauszuwagen.

Dr. Andrea C. Fürst

Zur Autorin
Studium der Kunstgeschichte in Wien, Innsbruck und Graz.
Promotion 1997 (Dissertation über Giselbert Hoke).
Betreut das Archiv von Friedensreich Hundertwasser und hat sein Werkverzeichnis publiziert.

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